Ist ADHS vererbbar? Artikel 2 von 3

Feb. 8, 2026 | 0 Kommentare

Gene, Gehirn und Nervensystem verständlich erklärt

Ein Grundlagen-Artikel für Eltern

„Das ist doch genetisch!“

Dieser Satz fällt oft sehr schnell, wenn Eltern hören, ihr Kind habe ADHS oder zeige ADHS-typische Muster.

Er klingt eindeutig. Beruhigend. Fast wie ein Schlussstrich.

Viele Eltern spüren in diesem Moment Erleichterung.

Dann habe ich nichts falsch gemacht.

Dann ist es eben so.

Dann können wir aufhören zu suchen.

Und gleichzeitig tauchen neue Fragen auf.

Bedeutet das, mein Kind wird immer damit kämpfen?

Ist da im Gehirn etwas „kaputt“?

Kann man überhaupt etwas verändern?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir drei Ebenen sauber trennen – denn genau das passiert in der ADHS-Debatte oft nicht: Gene, Gehirn und Nervensystem.

Gene: kein Schicksal, sondern ein Empfindlichkeitsrahmen

Gene wirken nie isoliert. Sie entfalten sich immer in Wechselwirkung mit Umwelt und Erfahrung.

In der Perspektive von Gabor Maté geht es bei ADHS nicht um ein defektes Gen, sondern um eine angeborene Empfindlichkeit, die sich unter bestimmten Bedingungen stärker zeigen kann.

Gene beeinflussen zum Beispiel, wie schnell ein inneres Stresssystem anspringt, wie empfindlich Wahrnehmung ist, wie leicht ein Kind überreizt oder überwältigt wird und wie hoch die innere Grundanspannung ist.

Wichtig ist dabei: Diese Eigenschaften entstehen nicht einfach „aus sich heraus“. Sie formen sich in Beziehung, unter dem Einfluss von Sicherheit, Stress, Bindung und Überforderung.

Zwei Kinder können dieselbe Situation erleben. Für das eine ist sie gut machbar. Für das andere fühlt sie sich nach zu viel an. Das liegt nicht am Willen und auch nicht an Erziehung im klassischen Sinn, sondern an einer unterschiedlichen Empfindlichkeit des inneren Systems.

Und genau hier wird es entscheidend.

Wenn Menschen unterschiedlich empfindlich sind – und vieles spricht dafür –, dann stellt sich eine unbequeme Frage:

Was passiert, wenn sich unsere Systeme überwiegend an denjenigen orientieren, für die Dinge „gut machbar“ sind?

Laut Anne Heintze gelten etwa 70 Prozent der Menschen als neurotypisch. Das bedeutet im Umkehrschluss: Rund 30 Prozent erleben die Welt anders. Reizintensiver. Schneller überfordernd. Weniger linear.

Schule, Leistungserwartungen und viele gesellschaftliche Strukturen richten sich jedoch vor allem an diese 70 Prozent. An Kinder, deren inneres System mit Lautstärke, Zeitdruck, Vergleich und permanenter Anpassung einigermaßen umgehen kann.

Für die übrigen 30 Prozent bedeutet das nicht selten:

Sie sind nicht falsch – aber im falschen System. Dann wird aus Unterschied schnell ein Defizit. Aus Überforderung ein „Problem“. Und aus Anpassung ein dauerhafter Stresszustand.

Die Frage ist also nicht nur, ob ein Kind ADHS hat oder nicht.

Die eigentliche Frage lautet: Wie vielfältig darf menschliche Unterschiedlichkeit sein – bevor wir beginnen, sie zu pathologisieren?

 

Das Nervensystem: Sicherheit oder Gefahr?

Das Nervensystem ist unser inneres Alarmsystem. Es stellt ununterbrochen dieselben Fragen – bei Kindern wie bei Erwachsenen:

Bin ich sicher? Werde ich gesehen? Werde ich beschämt? Muss ich funktionieren? Bekomme ich Unterstützung, wenn es schwer wird?

Wenn ein Kind häufig innerlich im Modus Gefahr ist – also ständig auf Alarm, auch ohne objektive Bedrohung – schaltet das innere System auf Überleben.

Dann zählen nicht Nachdenken, Abwägen oder Impulskontrolle. Dann geht es um schnelles Reagieren, um Bewegung statt Stillhalten, um Ablenkung statt Fokus, um Rückzug, Widerstand oder einen Wutausbruch.

Viele ADHS-typische Verhaltensweisen lassen sich genau hier verorten: Unruhe, Impulsivität, Träumerei, Vergessen oder explosive Gefühlsausbrüche. Nicht, weil ein Kind nicht will, sondern weil sein inneres System keinen Zugang zu Ruhe und Übersicht findet.

Das Gehirn: ein Anpassungsorgan

Das Gehirn ist kein fest verdrahteter Apparat. Es ist ein Anpassungsorgan. Es verstärkt das, was häufig gebraucht wird.

Ein inneres System, das oft unter Alarm steht, trainiert schnelles Reagieren, hohe Wachsamkeit, Reizsuche oder Reizvermeidung. Was dabei – vor allem unter Druck – schlechter zugänglich wird, sind Planung, Dranbleiben, Handlungsstart und Impulskontrolle.

Das ist der Punkt, den Aletha Solter immer wieder betont: Unterschiede im Gehirn können Folge von Stressnutzung sein – nicht deren Ursache.

Oder anders gesagt: Das Gehirn zeigt, wie es benutzt wird.

Ist ADHS vererbbar? Warum es in Familien trotzdem gehäuft auftritt

Oft hören Eltern den Satz: „ADHS ist hoch erblich.“

Was dabei selten erklärt wird: Erblichkeit bedeutet nicht automatisch genetische Festlegung.

Erblichkeit heißt, dass sich in bestimmten Familien und unter bestimmten Bedingungen Muster häufen. Das kann mit genetischer Empfindlichkeit zu tun haben – muss es aber nicht.

Denn in Familien werden auch Stressmuster weitergegeben, der Umgang mit Gefühlen, Anpassung an Druck, der Zwang zu funktionieren oder das Fehlen von Erfahrung, bei starken Emotionen Unterstützung zu bekommen.

Viele Eltern sagen rückblickend:

„Ich war selbst schon so.“

„Ich habe mich in der Schule nie richtig gefühlt.“

„Ich musste früh funktionieren.“

Kinder wachsen dann mit Eltern auf, die ihr Bestes geben – die aber selbst viel inneren Druck kennen und wenig Entlastung erlebt haben.

Stressmuster werden relational weitergegeben, nicht genetisch programmiert.

Bei manchen Kindern zeigt sich eine sehr hohe biologische Empfindlichkeit auch ohne klar erkennbare äußere Belastung. Und trotzdem profitieren die allermeisten massiv von Stressreduktion, Beziehung, Sicherheit und Entlastung.

Ein Merksatz, der vieles entwirrt

In der ADHS-Debatte werden drei Begriffe ständig durcheinandergeworfen. Dabei helfen sie enorm, wenn man sie sauber trennt:

Erblich bedeutet: etwas tritt in Familien gehäuft auf.

Genetisch bedeutet: biologische Faktoren spielen eine Rolle.

Epigenetisch bedeutet: Erfahrungen beeinflussen, wie sich biologische Anlagen zeigen.

Oder einfacher gesagt:

Gene liefern Möglichkeiten. Erfahrungen entscheiden, was davon genutzt wird.

Warum die genetische Erklärung entlastet – und trotzdem zu kurz greift

Die Aussage „Das ist genetisch“ wirkt auf vielen Ebenen entlastend. Sie nimmt Eltern Schuldgefühle, beendet quälende Ursachensuche und vermittelt Kindern kurzfristig: „Ich bin nicht faul. Ich mache das nicht absichtlich.“

All das ist verständlich. Und gleichzeitig problematisch.

Denn wenn etwas als festgelegt verstanden wird, bleiben oft nur Symptomlinderung, Anpassung und Durchhalten. Die Frage „Was würde diesem Kind wirklich helfen?“ rückt in den Hintergrund.

Darum gilt: Die genetische Erklärung entlastet. Die erfahrungsbasierte Erklärung befähigt.

Erfahrungsbasiert heißt dabei nicht: Eltern hätten es verhindern können. Es heißt: Entwicklung ist offen – auch jetzt.

Ausblick: Was folgt daraus für den Alltag?

Wenn wir ADHS nicht als Defekt, sondern als Anpassung eines sensiblen Systems verstehen, verändert sich automatisch die nächste Frage.

Nicht mehr: Wie bringen wir das Kind dazu, besser zu funktionieren?

Sondern: Was überfordert sein inneres System? Wo braucht es mehr Sicherheit und Verbindung? Und wo braucht es Entlastung statt Druck?

Genau darum geht es im nächsten Artikel:

Was Kindern mit ADHS wirklich hilft, warum Stressabbau zentral ist und wie Eltern wieder Handlungsspielraum gewinnen – ohne sich selbst oder ihr Kind zu verbiegen.

 

Alle Artikel zum Thema:

Artikel 1: https://mareenkafka.de/adhs-wirklich-verstehen/

Artikel 2: https://mareenkafka.de/ist-adhs-vererbbar/

Artikel 3: https://mareenkafka.de/was-kindern-mit-adhs-wirklich-hilft

Mareen Kafka

Mareen Kafka

Familienberaterin & Yogalehrerin

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