Von Mareen Kafka, Familienberaterin und selbst 2-fache Mama
Lesedauer: ca 7 Minuten
Hilfe, ich schreie mein Kind an
Ich werde diesen Abend nicht so schnell vergessen. Meine Große war vier, meine Kleine zwei – und beide drehten gleichzeitig am Rad. Die eine wollte kein Bad, die andere schmiss ihr Essen auf den Boden. Ich stand da, komplett am Ende, und hörte mich schreien. Laut. Lauter als ich je wollte.
Danach saß ich auf dem Badezimmerboden und dachte: Was stimmt mit mir nicht? Ich schreie mein Kind an – und hasse mich dafür. Wenn dir dieser Gedanke vertraut ist, bist du hier richtig.
Und für deinen Partner, der vielleicht genauso kämpft, es aber nie laut sagt – auch für den schreib ich das hier.
Du schreist – aber das ist nicht dein Charakter
Erste Ansage: Du bist kein schlechter Mensch. Du bist ein erschöpfter Mensch. Klingt nach Floskel, ist aber biologisch erklärbar – und das meine ich ernst.
Wenn dein Kind schreit, bockt, haut oder einfach nicht hört, reagiert dein Nervensystem auf Bedrohung. Genau wie damals, als du selbst Kind warst und jemand auf dich einschrie. Dein Körper schaltet in den Alarmzustand: kämpfen, fliehen oder einfrieren. Und kämpfen klingt manchmal wie Schreien. Das ist Biologie. Aber es bedeutet auch: Mit „ich reiß mich einfach mehr zusammen“ kommst du da nicht raus.
Das Glas, das irgendwann überläuft
Stell dir dein Nervensystem wie ein Glas Wasser vor. Den ganzen Tag füllt es sich: Schlafmangel, Arbeit, Haushalt, die Nachricht von der Kita, der Streit am Morgen, das schlechte Gewissen vom Vortag. Und dann kommt dein Kind – mit dem Tropfen, der das Glas überlaufen lässt.
Du schreist also nicht wegen dem, was in diesem Moment passiert. Du schreist, weil das Glas schon fast voll war, bevor der Tag richtig angefangen hat. Das klingt simpel – ändert aber alles daran, wie du das Problem angehen musst. Die Lösung liegt nämlich nicht darin, dein Kind anders zu handhaben. Sie liegt darin, dein Glas öfter zu leeren.
Wann es am häufigsten eskaliert – und warum
Es gibt Situationen, in denen fast jeder Elternteil irgendwann ausrastet. Morgens, wenn alle gleichzeitig fertig sein müssen und niemand mitzieht. Abends, wenn du selbst auf dem Zahnfleisch gehst und dein Kind genau dann nochmal einen drauflegt. Hausaufgaben, Schlafenszeit, der fünfte Versuch dasselbe zu erklären.
Das sind keine Zufälle. Das sind die Momente, in denen dein Glas schon fast voll ist – und dein Kind spürt das. Kinder reagieren auf das Nervensystem ihrer Eltern wie ein Seismograf: je angespannter du bist, desto unruhiger werden sie. Ihr schaukelt euch gegenseitig hoch – und am Ende explodiert einer von euch. Meistens du, weil du dich länger zusammenreißt.
Was passiert mit deinem Kind, wenn du schreist
Das ist die Frage, die viele Eltern nachts wachhält – und die ich deshalb direkt ansprechen will.
Wenn ein Elternteil schreit, erlebt ein Kind dasselbe wie du, wenn jemand auf dich einschrie: der Körper geht in Alarm, das Nervensystem dreht hoch, das Gehirn schaltet auf Überleben. Kleinkinder können in diesem Moment buchstäblich nicht mehr lernen, verstehen oder kooperieren – ihr präfrontaler Kortex, der für Vernunft und Einsicht zuständig ist, ist in diesem Zustand offline.
Schreien funktioniert nicht – zumindest nicht so wie wir es uns wünschen. Vielleicht gehorcht dein Kind kurz. Aber aus Angst, nicht aus Einsicht. Oder es blockiert erst recht, weil es jetzt genauso im Alarmmodus steckt wie du. Beides macht die Beziehung nicht leichter – und das weißt du eigentlich selbst.
Und jetzt kommt das Wichtigste: Das ist reparierbar. Eine Szene, ein Ausraster, ein schlechter Abend – das beschädigt keine Bindung dauerhaft. Was zählt ist, was danach kommt. Ob du sagst, dass es dir leid tut. Ob du erklärst. Ob du zeigst: Ich arbeite daran.
Und dann kommt das schlechte Gewissen – als wär’s nicht schon genug
Nach dem Schreien kommt das Schuldgefühl. Das kennen fast alle Eltern, die zu mir in die Beratung kommen – Mütter und Väter gleichermaßen. Und das Gemeine daran: Schuldgefühle sind selbst ein Stressor. Die füllen dein Glas weiter auf, machen es noch wahrscheinlicher, dass du beim nächsten Mal wieder ausrastest. Das muss nicht so bleiben – aber der Kreislauf hört nicht auf, wenn du dir nur fest genug vornimmst, ruhiger zu werden.
Ich schreie mein Kind an – zwei Eltern, ein Muster
Eine Mutter kam zu mir, weil sie jeden Morgen mit ihrer Siebenjährigen im Streit lag. Das Kind trödelte, die Mutter trieb an, irgendwann flog die Stimme raus. Was wir in der Beratung herausfanden: Die Mutter hatte selbst als Kind gelernt, dass Langsamkeit Konsequenzen hat. Ihr eigenes Nervensystem interpretierte das Trödeln ihrer Tochter als Bedrohung – obwohl es keins war. Als sie das verstand, änderte sich der Morgen innerhalb von zwei Wochen.
Ein Vater schrieb mir, er raste vor allem abends aus – wenn er von der Arbeit kam, eigentlich Ruhe brauchte, und die Kinder genau dann am lautesten waren. Kein Wunder: Sein Glas war nach einem langen Arbeitstag randvoll. Was half, war nicht eine neue Technik. Was half, war eine klare Vereinbarung mit seiner Partnerin: 15 Minuten Ankommen, bevor er in den Familienabend einsteigt. Das klingt nach wenig. Für ihn war es alles.
Einmal ausgerastet oder echtes Muster – wo ist der Unterschied?
Einmal ausrasten passiert. Das passiert den geduldigsten Eltern, den bewusstesten Mamas, den ruhigsten Papas. Ein beschissener Tag, zu wenig Schlaf, zu viel auf einmal – und dann wird geschrien. Das ist menschlich, das ist normal, und wie ich oben schon geschrieben habe: es ist reparierbar.
Ein Muster sieht anders aus. Du erkennst es daran, dass du dich regelmäßig dabei ertappst – nicht einmal die Woche, sondern fast täglich. Dass du morgens schon ahnst, wie der Abend enden wird. Dass du nach dem Schreien nicht nur kurz erschrickst, sondern dich wirklich fragst, ob du deinem Kind schadest. Und dass Vorsätze nichts bringen – du nimmst es dir vor, du schaffst es zwei Tage, und dann bist du wieder an derselben Stelle.
Wenn du beim Lesen nickst: das ist kein Zeichen dass du versagst. Es ist ein Zeichen, dass da etwas drunter liegt, das größer ist als Willenskraft. Vielleicht eigene Kindheitserfahrungen, die nie aufgearbeitet wurden. Vielleicht ein Nervensystem, das chronisch überlastet ist. Vielleicht Muster in der Paardynamik, die sich im Familienalltag entladen. Das alles lässt sich anschauen – aber eben nicht alleine, und nicht mit dem nächsten Erziehungsbuch.
Täglich üben, damit es klappt wenn’s drauf ankommt
Hier kommt die unbequeme Wahrheit: Du kannst eine Atemübung nicht zum ersten Mal in dem Moment anwenden, in dem dein Kind auf dem Boden liegt und schreit. Das ist so, als würdest du das Schwimmen lernen wollen, wenn du schon im Wasser versinkst.
Nervensystem-Regulation funktioniert wie ein Muskel. Du musst ihn trainieren, wenn du entspannt bist – dann steht er dir auch zur Verfügung, wenn du gestresst bist. Täglich, kurz, konsequent. Nicht eine Stunde Yoga am Sonntagmorgen, sondern zwei Minuten jeden Tag die zählen.
Hier sind ein paar Übungen die ich selbst nutze und meinen Klientinnen und Klienten mitgebe:
Schütteln. Steh hin, lass die Arme locker hängen und schüttle deinen ganzen Körper – Hände, Arme, Schultern, Beine. Mindestens eine Minute. Klingt albern, funktioniert hervorragend: Schütteln ist eine der ältesten und direktesten Methoden um Stress aus dem Körper rauszubringen. Tiere machen das instinktiv nach einer Bedrohung – wir haben es verlernt.
Pferdelippen. Lippen locker lassen und Luft durchblasen – genau wie ein Pferd. Brummt, vibriert, lockert sofort den Kiefer und die Schultern. Der Kiefer ist eine der Hauptspeicherstellen für Anspannung im Körper. Wenn du merkst dass du die Zähne zusammenbeißt, direkt Pferdelippen machen.
Hüpfen. Einfach kurz auf der Stelle hüpfen, dreißig Sekunden. Bringt dich zurück in den Körper, macht den Kopf frei. Funktioniert besonders gut morgens bevor der Tag richtig losgeht.
Tief atmen und stöhnen. Arme hoch über den Kopf strecken, tief einatmen und nach vorne beugen und ääähhhhhhh. Zunge raus, Kiefer öffnen. Bäh, däh, äähhhh, wääh – 2-3x wiederholen. Erlaube dir Laute die du sonst nicht machst.
Das Entscheidende dabei: üb das alles wenn du entspannt bist. Morgens nach dem Aufstehen, mittags kurz auf der Arbeit, oder bevor die Kinder heimkommen. Dein Körper lernt dann, diese Zustände zu kennen – und kann schneller dorthin zurückfinden, wenn du auf 180 bist. Mit der Zeit merkst du früher, wann dein Glas sich füllt. Du bekommst einen Puffer zwischen Reiz und Reaktion. Und genau in diesem Puffer liegt die Wahl.
Was du heute noch tun kannst – drei kleine Schritte
Bevor du diese Seite verlässt, drei Dinge die du sofort angehen kannst:
1. Beobachte dein Glas. Nicht dein Kind – dich. Wann ist es voll? Wann kippt es? Was füllt es besonders schnell auf? Einfach mal drei Tage beobachten, ohne etwas zu ändern.
2. Say sorry – wirklich. Nicht mit „Mama war müde, sorry.“ Sondern mit: „Ich hab geschrien. Das war nicht okay. Du hast eine liebevolle Mama, einen liebevollen Papa verdient.“ Das nimmt Schuld Scham von deinem Kind. Und es tut etwas mit der Beziehung.
3. Sprich mit deinem Partner darüber. Nicht als Vorwurf, nicht als Beichte – sondern als Team. Wer von euch füllt sich schneller? Wer kann einspringen, wenn der andere am Limit ist? Dieses eine Gespräch kann viel verändern.
Erkennst du dich darin – oder deinen Partner? Wenn ihr merkt, dass ihr konkrete Unterstützung für euren Alltag braucht, können wir gerne mal 15 Minuten sprechen. Kostenlos, unverbindlich – einfach hier melden.
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