ADHS verstehen bei Kindern – Artikel 1 von 3

Feb. 8, 2026 | 0 Kommentare

 

Warum die Frage „kann nicht oder will nicht?“ zu kurz greift – und was Kindern wirklich hilft

Ein Grundlagen-Artikel für Eltern

„Hast du Gurken in den Ohren?!“

Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gedacht habe.

Und ja – ein paar Mal habe ich es auch gesagt.

Ich erkläre etwas. Ruhig. Klar. Ich wiederhole es. Noch einmal.

Und meine Tochter? Macht einfach weiter. Als hätte sie nichts gehört.

In mir zieht sich alles zusammen.

Diese Mischung aus Wut, Hilflosigkeit und dem Gedanken: Gleich explodiere ich.

Und dann ist sie plötzlich da, diese Frage:

Kann sie nicht – oder will sie nicht?

Und wenn sie nicht will … was mache ich dann?

Hinnehmen? Schreien? Konsequenter sein?

Letztens sagte unser Kinderarzt ganz sachlich: „Sie sollten mal ADHS testen lassen.“

Und dann diese Nachfrage: „Gibt es in Ihrer Familie ADHS-Diagnosen?“

Ich weiß noch genau, wie ich dachte: In meiner Familie? Warum ist das wichtig? Gibt es so etwas wie ein ADHS-Gen?

Und genau da habe ich angefangen, tiefer zu graben. Was sagt Entwicklungspsychologin Aletha Solter und Arzt Gabor Maté dazu.

Was bedeutet ADHS wirklich – jenseits von Etiketten? Was hat Vererbung damit zu tun? Was ist Stress, was Nervensystem, was Anpassung? Und was hilft Kindern wie meiner Tochter im echten Alltag – besonders dann, wenn alles kippt?

Darum schreibe ich diesen Artikel: um zu verstehen – und um handlungsfähig zu bleiben.

Warum ADHS so viele Eltern handlungsunfähig macht

Rund um ADHS kursieren viele Erklärungen – und sie widersprechen sich oft.

Wenn ein Kind unruhig ist, impulsiv reagiert, Dinge vergisst, ständig aneckt, „nicht ins Tun kommt“ oder immer wieder heftige Wutausbrüche hat, hören Eltern schnell Sätze wie: „Das ist genetisch.“ „Da ist etwas im Gehirn anders.“ „Das Kind kann nichts dafür.“ Oder: „Da helfen nur Konsequenz oder Medikamente.“

Gleichzeitig erleben viele Eltern etwas ganz anderes. Sie spüren Stress, Überforderung, Daueranspannung. Sie erleben ein Kind, das eigentlich feinfühlig ist – aber bei kleinen Anlässen heftig ausrastet.

Beides kann sich wahr anfühlen. Und genau das ist das Problem.

Denn Gehirn, Gene, Emotionen und Nervensystem werden oft in einen Topf geworfen, als würden sie dasselbe erklären. Tun sie aber nicht.

Diese Vermischung führt dazu, dass Eltern entweder alles als „gegeben“ hinnehmen – oder sich selbst massiv in Frage stellen. Beides nimmt Eltern Handlungsspielraum.

„Kann sie nicht oder will sie nicht?“ – warum diese Frage bei ADHS in die Irre führt

Die Frage „kann sie nicht oder will sie nicht?“ ist verständlich. Und sie ist zutiefst menschlich.

Denn je nach Antwort verändert sich alles.

Wenn sie nicht kann, brauche ich Geduld, Hilfe und Entlastung.

Wenn sie nicht will, brauche ich Grenzen, Führung und Klarheit.

Das Problem ist: Diese Unterscheidung ist zu grob.

Bei vielen Kindern mit ADHS-ähnlichen Mustern – also Verträumtheit, hohe Ablenkbarkeit, impulsives Verhalten und auch explosive Wutausbrüche – trifft Folgendes zu:

Sie kann in diesem Moment nicht – und sie will trotzdem nicht kooperieren.

Nicht aus Trotz, nicht aus Berechnung und nicht, um Macht zu zeigen. Sondern weil ihr inneres System gerade überfordert ist.

Manche Kinder reagieren auf diese Überforderung eher nach innen. Sie driften ab, verlieren den Faden und wirken wie nicht ansprechbar. Andere reagieren nach außen – lauter, heftiger, sichtbarer.

Wutausbrüche sind dann kein bewusstes Verhalten, sondern ein Versuch des Körpers, zu viel innere Spannung loszuwerden.

Beides ist keine Charakterfrage. Es ist eine Überforderung des inneren Systems.

Und genau hier lohnt sich ein weiterer Perspektivwechsel.

ADHS, Stress und empfindliche Nervensysteme

Kinder sind unterschiedlich empfindlich. Manche kommen mit Lautstärke, Tempo, Erwartungen und ständigen Übergängen gut zurecht. Für andere fühlt sich genau das schnell nach zu viel an.

Das ist kein Zeichen von Schwäche. Und auch kein Hinweis auf falsche Erziehung. Es ist Ausdruck unterschiedlicher innerer Empfindlichkeit.

Viele unserer Alltags- und Leistungssysteme – Schule, Betreuung, Tagesstrukturen – orientieren sich jedoch vor allem an den Kindern, für die dieses Tempo gut machbar ist.

Für Kinder mit einem sensibleren inneren System entsteht so ein dauerhafter Anpassungsdruck. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil das Umfeld wenig Raum für Unterschiedlichkeit lässt.

Dann wird aus Überforderung schnell ein „Problemverhalten“. Und aus einem Kind, das Schutz bräuchte, eines, das korrigiert werden soll.

Beides ist keine Charakterfrage. Es ist eine Überforderung des inneren Systems.

Die entscheidendere Frage ist deshalb nicht:

Kann sie oder will sie?

Sondern:

Was bringt ihr System aus der Balance – und was würde jetzt helfen?

Das Nervensystem bei ADHS: Sicherheit oder Gefahr?

Das Nervensystem von Kindern – und auch von uns Erwachsenen – scannt ununterbrochen:

Bin ich sicher? Werde ich gesehen? Werde ich beschämt? Muss ich funktionieren? Bekomme ich Unterstützung, wenn es schwer wird?

Wenn ein Kind häufig innerlich im Modus Gefahr ist – also ständig auf Alarm, auch ohne objektive Bedrohung – bleibt das nicht ohne Folgen.

Das innere System schaltet dann auf Überleben. Dann geht es um schnelles Reagieren statt Überlegen, um Bewegung statt Stillhalten, um Ablenkung statt Fokus, um Widerstand oder Rückzug statt Kooperation – und manchmal um einen Wutausbruch statt Worte.

Wut ist dabei kein Problem an sich. Sie ist ein Signal. Ein Zeichen dafür, dass das System überlastet ist und gerade keinen anderen Weg findet, Spannung loszuwerden.

Verhalten bei ADHS – auch Wutausbrüche – ist keine Charakterfrage

Wenn wir Verhalten isoliert betrachten, landen wir schnell bei Bewertungen wie unkonzentriert, trotzig, respektlos oder aggressiv.

Wenn wir Verhalten – inklusive Wutausbrüchen – als Ausdruck eines überforderten Nervensystems verstehen, verschiebt sich der Blick.

Das Kind zeigt, was gerade nicht geht. Nicht, was es nicht will.

Ein Wutausbruch sagt nicht: „Ich will dich provozieren.“

Er sagt: „Es ist gerade zu viel – ich kann mich nicht halten.“

Das ist ein fundamentaler Unterschied. Und er entscheidet darüber, ob Eltern in Kampf, Ohnmacht oder in haltende Führung gehen.

ADHS verstehen: Warum Verstehen der erste Schritt zu Handlung ist

Solange wir glauben, ein Kind könnte anders, wenn es nur wollte, entsteht Druck. Solange wir glauben, alles sei genetisch festgelegt, entsteht Ohnmacht.

Beides hilft Kindern nicht.

Verstehen schafft etwas Drittes: Handlungsspielraum.

Wenn wir begreifen, dass viele ADHS-typische Verhaltensweisen – Verträumtheit, Unruhe, Impulsivität und Wutausbrüche – Ausdruck von Stress, Anpassung und fehlender Sicherheit sind, können wir beginnen, neugierig zu sein und zu hinterfragen.

Im nächsten Artikel schauen wir deshalb genauer hin:

  • Ist ADHS vererbbar?
  • Welche Rolle spielen Gene, Gehirn und Nervensystem wirklich?
  • Und warum Wutausbrüche oft mehr mit Stress als mit Willen zu tun haben?

 

Alle Artikel zum Thema:

Artikel 1: https://mareenkafka.de/adhs-wirklich-verstehen/

Artikel 2: https://mareenkafka.de/ist-adhs-vererbbar/

Artikel 3: https://mareenkafka.de/was-kindern-mit-adhs-wirklich-hilft

 

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Mareen Kafka

Mareen Kafka

Familienberaterin & Yogalehrerin

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