Ich weiß noch genau, wie ich das erste Mal ein Video von Gabor Maté sah.
Er sprach über Trauma – und plötzlich verstand ich, warum manches in mir so reagiert, wie es reagiert.
Ich saß da, mit offenem Herzen, und dachte: Ja, genau so fühlt es sich an.
Seitdem gehört er zu meinen liebsten Lehrern.
Ich mag seine Art, über Trauma zu sprechen – weil sie ehrlich ist und mitfühlend.
Er schaut hin, ohne zu verurteilen. Und genau das hat mir vieles verständlicher gemacht: im Blick auf mich selbst, auf Eltern, auf Kinder und auf das, was sich im Alltag manchmal so schwer anfühlt.
Ich möchte mehr von seinen Gedanken teilen, weil sie entlasten.
Weil sie den Blick weglenken von Schuld und hin zu Verständnis.
Und weil sie eine wichtige Perspektive eröffnen: Trauma ist nichts, wofür wir uns schämen müssen.
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Trauma ist nicht das, was passiert ist
Einer der zentralen Gedanken von Gabor Maté lautet:
Trauma ist nicht das, was dir passiert ist.
Trauma ist das, was in dir passiert ist – als Folge davon.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn wenn Trauma nur das Ereignis wäre, wären wir machtlos. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern.
Wenn Trauma aber eine innere Reaktion ist – eine Wunde, eine Anpassung –, dann ist Veränderung möglich. Jetzt.
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Trauma als Wunde
Gabor Maté beschreibt Trauma als eine Wunde.
Und diese Wunde hat zwei Seiten.
Die offene Wunde
Eine offene Wunde ist empfindlich.
Kleine Auslöser können sehr weh tun.
Ein Blick, ein Tonfall, ein Satz – und etwas in uns reagiert heftig.
Nicht, weil die Situation im Jetzt so schlimm ist, sondern weil eine alte Stelle berührt wurde.
Darum sagt Maté sinngemäß:
Wenn wir im Jetzt extrem reagieren, geht es oft nicht um das Jetzt.
Das Narbengewebe
Narbengewebe schützt – aber es ist auch hart, starr und wenig fühlend.
Trauma zeigt sich deshalb manchmal nicht als Überreaktion, sondern als Abgeschnittenheit:
•wenig Kontakt zum eigenen Körper
•kaum Zugang zu Gefühlen
•Funktionieren statt Spüren
Die gute Nachricht:
Psychische Narben sind nicht endgültig. Sie können wieder weich werden.
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Das tiefste Trauma: die Trennung vom Selbst
Für Gabor Maté ist das größte Trauma nicht das Fehlen von Liebe oder ein einzelnes schmerzhaftes Ereignis.
Das tiefste Trauma ist die Trennung von uns selbst.
Wichtig dabei: Diese Trennung war keine falsche Entscheidung.
Sie war eine Überlebensstrategie.
Wenn es als Kind zu viel war – zu schmerzhaft, zu einsam, zu überwältigend –, dann war es manchmal die einzige Möglichkeit, weniger zu fühlen.
Nicht aus Schwäche, sondern aus Weisheit des Organismus.
Darum spricht Maté von der „Weisheit des Traumas“.
Nicht, weil Trauma gut wäre – sondern weil die Reaktion darauf einmal notwendig war.
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Mit dir ist nichts falsch
Ein zentraler Perspektivwechsel bei Maté ist dieser:
Mit dir ist nichts falsch.
Deine Reaktionen sind keine Störung, sondern verständliche Antworten auf das, was du erlebt hast.
Statt zu fragen: „Was stimmt nicht mit mir?“
lädt er ein, zu fragen: „Was ist mir passiert – und wie habe ich gelernt, damit umzugehen?“
Diese Haltung bringt Mitgefühl ins Spiel. Und Neugier.
Beides öffnet Räume für Veränderung.
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Wie Trauma unser Leben prägt
Trauma wirkt nicht nur „innen“, sondern zeigt sich im Alltag auf vielen Ebenen:
- in unserem Weltbild (Ist die Welt sicher oder gefährlich?)
- in Beziehungen, in denen alte Muster wieder auftauchen
- im Nervensystem, das über- oder unterreagiert
- in Schwierigkeiten, im Hier und Jetzt zu bleiben
- in einem tiefen Gefühl von Scham („Mit mir stimmt etwas nicht.“)
Viele dieser Reaktionen laufen automatisch ab.
Nicht, weil wir es wollen – sondern weil unser System gelernt hat, so zu reagieren.
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Trauma und das Nervensystem
Maté beschreibt eindrücklich, wie Trauma das Nervensystem prägt:
Manche Menschen sind ständig in Alarmbereitschaft. Andere spüren Gefahr kaum noch und geraten immer wieder in Situationen, die ihnen nicht guttun.
Beides sind Anpassungen. Keine Fehler.
Trauma kann dazu führen, dass wir Sicherheit falsch einschätzen – entweder überall Gefahr sehen oder sie gar nicht mehr wahrnehmen.
Auch das erklärt, warum Menschen in Beziehungen bleiben, die ihnen schaden, oder warum sie bei scheinbar kleinen Auslösern stark reagieren.
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Der Teil mit der „Täterenergie“ – und warum er wichtig ist
Bis hierhin ging es vor allem um das, was Trauma in uns hinterlässt.
Gabor Maté geht noch einen Schritt weiter und schaut auf das größere Feld, in dem Trauma entsteht und weitergegeben wird.
Er spricht davon, dass Verletzungen nicht nur individuell wirken, sondern auch als Dynamiken, die von Mensch zu Mensch weitergegeben werden – eingebettet in Familie, Gesellschaft und Kultur.
Um das zu beschreiben, nutzt er den Begriff der „Täterenergie“.
Damit meint er keine persönliche Bosheit oder Schuld, sondern eine Kraft, die Menschen übernehmen können, wenn sie selbst von sich abgeschnitten sind.
Eine Energie, die sich weiterträgt, wenn sie nicht gesehen wird.
Das bedeutet nicht: „Niemand ist verantwortlich.“
Aber es bedeutet: Vieles geschieht aus Verletzung heraus – nicht aus bewusster Grausamkeit.
Ein wichtiger Gedanke dabei ist auch dieser:
Verzweiflung ist weniger ein Gefühl als eine Sichtweise.
Die Sichtweise, allein zu sein und keine Unterstützung zu haben.
Trauma verstärkt genau dieses Gefühl – und genau hier setzt Heilung an.
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Traumaheilung heißt: zurück in Verbindung
Wenn Trauma Trennung ist, dann ist Heilung nicht Perfektion oder „endlich normal sein“.
Heilung bedeutet:
- mehr Kontakt zum eigenen Körper
- mehr Präsenz im Jetzt
- mehr Wahlmöglichkeiten statt automatischer Reaktionen
- mehr Zugang zu Bedürfnissen, Grenzen und Gefühlen
Oder ganz einfach: wieder bei sich ankommen.
Ein Trauma ist eine Wunde, die noch nicht verheilt ist.
Und eine verheilte Wunde tut nicht mehr weh, wenn man sie berührt.
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Ein kleiner Impuls zum Schluss
Wenn du das nächste Mal stark reagierst – mit Wut, Rückzug oder Überforderung – probier statt Analyse die Fragen:
„Das ist alt. Ich bin gerade getriggert. Was brauche ich jetzt, um wieder bei mir anzukommen?“
Manchmal ist die Antwort Nähe.
Manchmal eine Pause.
Manchmal Unterstützung.
Nicht perfekt. Aber verbunden.
Und vielleicht magst du dir eine Frage mitnehmen:
Wie zeigt sich bei dir Trennung – und was hilft dir, wieder Verbindung zu spüren?
Wenn du merkst, dass genau das Thema dich beschäftigt – besonders im Umgang mit deinen Kindern, wenn es dir schwerfällt, liebevoll Grenzen zu zeigen, ohne dich danach schuldig zu fühlen – dann begleite ich dich gern auf diesem Weg zurück in Verbindung.
In meinen Elternkursen und Begleitungen geht es genau darum:
Gefühle verstehen, Grenzen halten, echt in Beziehung bleiben.
💛 Hier findest du mehr über meine Begleitung für Eltern
Inspiriert durch die Arbeiten von Dr. Gabor Maté, insbesondere seine Bücher „When the Body Says No“, „The Myth of normal“ und den Film „The Wisdom of Trauma“.
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